Sommerserie 2014 – Weltreise

Steil, steiler, am steilsten

Die Fahrt in den Ohmstaler Libanon hat es in sich. Kaum im Chilbrigwald, gleich ennet der Luthere, wartet ein bedrohlicher Steilhang. Die Steigung lässt einen in den Autositz drücken und den Motor kurz aufheulen. Mit einem App messen wir die Steigung. Die 20-Grad lassen zweifeln, erwartet hätte man viel „steilere Zahlen“. Die Hanglage ist übrigens auch dem Fussballclub Schötz bekannt. Nicht wenige Trainer lassen dort Konditionstraining büffeln. Schweissperlen sind garantiert.

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Der Mercedes SE 380 ist durstig

Der Mercedes-Benz 380 SE hat Kurt Erni von seinem Vater geerbt. Wo er damit auftaucht, sorgt das Auto für Aufsehen. Ein paar Details zur Edelkarosserie: Die Erstinverkehrssetzung des Autos datiert vom März 1985. Der Mercedes-Benz ist 204 PS stark, bringt eine Höchstgeschwindigkeit von 210 Stundenkilometer aufs Tacho, benötigt von 0 bis 100 Stundenkilometer 9,8 Sekunden und verbraucht etwas gar viel Benzin. Laut Garagist rund 17,5 Liter. Der Mercedes-Benz 380 SE stammt aus der Baureihe 126. Er wurde von 1979 bis 1991 produziert. Die Südafrikaner fertigten die Baureihe laut dem Geschäftsführer Christoph Künzi vom Schötzer Garagisten Künzi+Hämmerli Automobile sogar noch bis 1994. Das Fahrzeug erfreute sich auf dem afrikanischen Kontinent, besonders in den nordafrikanischen Ländern, grosser Beliebtheit. „Viele ehemalige Fahrzeuge aus unseren Breitengraden fristen dort ihr zweites Leben“, sagt Künzi. Und: „Besonders gefragt waren stets weisse Karosserien.“ Mehr Infos zum Fahrzeug und zu Kurt Erni sehen Sie im WB-Video.

Vogelherd, Hasensprung und Libanon

Die Fahrt in den Ohmstaler Libanon ist auch eine Fahrt zu lustigen Hofnamen. Im Gemeindegebiet von Ohmstal und Niederwil gibts Namen wie Vogelherd, Hasensprung, Brönten oder Libanon. Woher die Namen stammen und was sie bedeuten, hat Josef Zihlmann in der Heimatkunde des Wiggertals aus dem Jahr 1974 erforscht. Auf 19 Seiten hat er sich mit den Ohmstaler Hof- und Flurnamen befasst. Nicht immer fanden sich zu den Namen alte Belege. Und zum Teil kursieren ganz unterschiedliche Namensdeutungen. So auch zum Hofnamen Libanon. Über diesen Hofnamen ist auf den 19 Seiten von Josef Zihlmann nichts zu lesen. Entsprechend phantasievoll wird der Namen in der Bevölkerung „analysiert“.

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Früher Mercedes, heute Chevrolet

Wer sich schon jemals einen Dokumentarfilm über den Libanon ansah oder das Land im Nahen Osten sogar bereiste, dem dürfte eines ganz sicher aufgefallen sein: die verstopften Strassen von Beirut, der Hauptstadt des Landes. Was noch? Ziemlich sicher die grosse Dichte an Fahrzeugen der Marke Mercedes-Benz. Viele Rostlauben – in Europa nicht mehr gebraucht – landeten im Libanon und wurden dort mit Freude und Stolz gefahren. Benz-Limousinen wurden in rauen Mengen in den Nahen Osten verschifft. Die Reiderin Lisbeth Sfeir, die wir in der WB-Printausgabe vom Samstag vorstellen, hat fast zwanzig Jahre ihres Lebens im Libanon verbracht. Sie erinnert sich: „Die Taxis waren in den Siebzigerjahren fast durchwegs Mercedes-Benz.“ Und heute? Da habe sich vieles verändert. Schuld daran sei auch die schon lang anhaltende Wirtschaftskrise. Heute würden auch viele Libanesen kleinere Autos fahren oder seien in der Zwischenzeit auf amerikanische Fahrzeuge umgestiegen. „Wo früher Mercedes fuhren, sind heute auf Beiruts Strassen Chevrolets oder kleinere Wagen zu sehen.“

Mit dem Mercedes-Benz in den Fernen Osten

Und weiter geht die WB-Weltreise. Vom Kottwiler Europaplatz gehts bei miesem Hudelwetter Richtung Ohmstaler Libanon. Nicht per Autostopp, auch nicht zu Fuss und nicht mit einem Trabi. Sondern mit einem Mercedes-Benz 380 SE. Gesteuert wird das Fahrzeug von Kurt Erni aus Schinznach (AG). Der 65-jährige war jahrelang Chefdesigner der Willisauer Wellis AG. Als rasende Reporter mit an Bord: Fabienne Muri und Stephan Weber.

Im Trabi vom Vatikan zum Europaplatz

Los geht die Fahrt. René Bipp aus Hedingen ZH und sein Deutscher Boxer Hasso machen sich mit den WB-Reisenden auf dem Weg vom Willisauer Vatikan zum Kottwiler Europaplatz.

 

Ikone des vereinten Europas

Als sich der Eiserne Vorhang zu öffnen begann, strömten sie massenweise hinaus: Trabis. Diese knatternden und bei kaltem Motor eine blaue Wolke von sich stossenden kleinen Gefährte aus dem VEB (Volkseigener Betrieb) Sachsensring – Automombilwerke Zwickau. Für die Fahrt vom Willisauer Vatikan hinauf zum Kottwiler Europaplatz sollte deswegen just ein solches Gefährt als Transportmittel dienen.

Im Luzerner Hinterland sind diese Ikonen des zusammenwachsenden Europas jedoch nicht zu finden. Auch im Kanton Luzern sind die rar. Auf Vermittlung des Trabant-Club Schweiz nahm schliesslich der 71-jährige pensionierte Buchhalter René Bipp die Reise nach Willisau auf sich.

DSC_0001 KopieAm Freitag, 25. Juli 2014, fuhr er mit seinem bordeaux-violetten „Trabant 601 S de luxe“ bei der Redaktion des WB vor und holte die Weltreisenden Fabienne Muri und David Koller ab. Luxuriös ist allerdings einzig die Typenbezeichnung. Denn im Innenraum des Fahrzeugs geht es spartanisch zu und her.

Die Farbe von René Bipps Trabi ist nicht original. Sie ist eine der Änderungen, die er  während der 300 Stunden dauernden Renovation des Fahrzeugs anbrachte. Ansonsten aber achtete er darauf, dass das Auto in möglichst originalgetreuem Zustand blieb.

Kaufpreis von 1500 DM

Erwachsen ist René Bipps Liebe zum Trabant Anfang der 1990er-Jahre, als er zusammen mit seiner Frau mit dem Wohnwagen die Ex-DDR bereiste. Wobei, für ihn war es zuerst gar keine Liebe. „Wir fuhren an einer Trabi-Garage vorbei. Meine Frau wollte eines dieser Autos.“ Er allerdings sei vorerst dagegen gewesen, sagte dann aber doch zu. Gerade einmal 1500 DM bezahlte das Ehepaar für ein Fahrzeug mit Jahrgang 1993.

Heute hat das selbe Auto Jahrgang 1975. Wie das? „Über den Trabant-Club Schweiz bekam ich ein neues Chassis“, sagt René Bipp. Und das ist es, was zählt. Der Vorteil des Umbaus: Nun gilt das Auto als Oldtimer, dadurch war eine Zulassung in der Schweiz erst möglich.

Ungefähr 110 Kilometer pro Stunde bringt der 24-PS-Zweitaktmotor hin. Allerdings ist René Bipp kaum auf der Autobahn unterwegs. Das Tuckern übers Land sagt ihm mehr zu. Und obwohl die Leistung bescheiden sowie das Gewicht mit 600 Kilo im Vergleich zu heutigen Zwei-Tonnen-Autos schon fast nicht mehr erwähnenswert ist, hat der leichte Ostdeutsche ordentlich Durst. Zwischen 9 und 10 Liter genehmigt er sich auf 100 Kilometer.

Unterschätzen sollten man den kleinen Schluckspecht nicht. Den steilen Anstieg von Kottwil übers Kidli zum Europaplatz schaffte er noch im zweiten der vier Gänge.

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Unterwegs im Auftrag der Weltenbummler: Typenschild des Trabants, der die WB-Reisenden zum Europaplatz in Kottwil brachte.  

Das Innenleben eines Trabants

Trabi für Anfänger. Auf dem Europaplatz gibt René Bipp eine kurze Einführung in sein kleines Fahrzeug.

 

Soundtrack des Mauerfalls

Ihr Knattern wurde zum Soundtrack des Mauerfalls und damit auch des Zusammenwachsens Europas. Für den WB lässt René Bipp seinen Trabi nochmals ordentlich motoren. Einzig die blaue Rauchwolke fehlt. Sie ist nur zu sehen, wenn der Motor kalt ist.