Ihr Knattern wurde zum Soundtrack des Mauerfalls und damit auch des Zusammenwachsens Europas. Für den WB lässt René Bipp seinen Trabi nochmals ordentlich motoren. Einzig die blaue Rauchwolke fehlt. Sie ist nur zu sehen, wenn der Motor kalt ist.
Deutscher Boxer am Europaplatz
Weil die Hundesitterin des vierjährigen Rüden Hasso kurzfristig ausfiel, brachte Trabi-Fahrer René Bipp den Deutschen Boxer mit zur Fahrt zum Europaplatz. Das passte gleich in zweifacher Hinsicht ins Konzept: Erstens, weil Hasso als Deutscher Angehöriger des grössten Gruppe der EU ist. Zweitens, weil er in Luthern aufgewachsen ist – er stammt von der Boxerzucht beim Restaurant Krone.
Im Trabi teilten sich Hasso und Redaktor Koller die Rückbank. Für beide ein beengendes Erlebnis. Für den Journalisten überdies ein feuchtes. Denn der Boxer hat seinen Speichelfluss nur bedingt unter Kontrolle. Überdies tendiert er dazu, seine Zuneigung mittels der grossen Zunge zu dokumentieren.
Selfie im Trabi: Schreiber und Boxer teilen sich Rückbank.
Trabi und Europaplatz – einige Impressionen
Stilleben mit Trabi und Boxer: Die WB-Reisenden sind nach kurzer Fahrt am Europaplatz in Kottwil angekommen.
Tank, Vergaser, zwei Zylinder, viel Leerraum: Blick in das 24-PS-Kratwerklein des Trabis. Einzig die moderne Batterie will nicht so recht ins Bild passen.
Real existierende Bescheidenheit: Gestühl und Inneneinrichtung sind sozialistisch spartanisch.
René Bipp demonstriert die Betankung: Der Trabi-Motor schluckt artig bleifrei...

…indes gehört noch eine Portion Öl ins Benzin. Das sorgt für die notwendige Schmierung – und bei kaltem Motor für den charakteristischen blauen Rauch.
Fotos und Filmbeiträge: Fabienne Muri
Text: David Koller
Die Feriengrüsse der WB-Leser
Wir haben für unsere Sommerserie unsere Leserinnen und Leser gebeten, uns Postkarten aus ihren Ferien zu schicken. Inzwischen haben wir schon zahlreiche Feriengrüsse erhalten. Hier eine erste Serie mit Grüssen aus Norwegen, der Dominikanischen Republik, Italien, den USA, aus der Schweiz, einem ganz speziellen Kuba – und sogar einem elektronischen Gruss aus Namibia. Vielen Dank an alle, die uns ihre Grüsse geschickt haben!
Gehet hin und tut Busse
Das Luzerner Hinterland hat seine eigene Geografie. Hier führt der Jakobsweg nicht etwa nach Santiago de Compostela, sondern in den «Vatikan». Im zweiten Teil unserer Sommerserie «Weltreise» pilgerte WB-Redaktorin Monika Wüest vom Ufhuser Zollhaus, wo wir im ersten Teil die Familie Schwegler trafen, ins Willisauer Bahnhofsgebiet. Ihr Reisebericht:
Eines vorweg: Mit dem Pilgern kannte ich mich bislang nicht aus. Mit Ausnahme von Souvenirs, mitgebracht von der sehr eifrig wallfahrenden Grossmutter, hatte ich damit kaum etwas zu tun. Ich musste mich also erst einmal in dieses Metier einlesen. Fündig wurde ich auf der Webseite www.pilgern.ch. Da steht etwa: „Ethymologisch bezieht sich das Wort pilgern auf das lateinische Verb ‚peregre‘ – über den eigenen Acker hinaus gehen. Ein Pilger bricht auf, um den eigenen ‚Acker‘, die eigene Lebenswelt zu verlassen. Die Pilgerin, der Pilger begibt sich in die Fremde. Ein mittelalterliches Pilgerlied nennt dies ‚das elend wagen‘.“
Die Webseite listet zudem mehrere Gründe fürs Pilgern auf. Genau, wonach ich gesucht hatte. Denn bevor es losging, brauchte ich unbedingt noch einen Grund für meine Reise. Ich entschied mich für Punkt 2.1: „Zur Busse und Sühne von begangenem Unrecht, von Schuld, von Sünden.“ Der Grund für meine Entscheidung: Da ich grundsätzlich ein vorbildliches Leben führe, habe ich kaum etwas, wofür ich Busse tun müsste – eine dreistündige Wanderung sollte da gerade so genug sein, um mein Seelenheil wieder herzustellen. Das dachte ich zumindest. Ich wurde dann allerdings mehrfach eines besseren belehrt.

Frau Lustenberger und Frau Schärli verkauften mir im Ufhuser Dorfladen Käse, Brot und Fleisch. Da war alles noch gut.
Es ging also los. Vom Ufhuser Zollhaus ins Dorf, um im Dorfladen einzukaufen. Den Rucksack mit Käse und Fleisch gefüllt, machte ich mich auf die beschwerliche Wanderung. Doch es kam kein geeignetes Plätzli, um zu essen. Gott fand offenbar, laufen alleine sei zu wenig Busse für mich. Und liess mich hungern. Zwei Stunden lang. So schwitzte ich also. Und hungerte. Und tat gar furchtbar Busse. Die Kühe auf den Weiden schauten mich sehr eigenartig an. Und ich schaute sehr eigenartig zurück. Herumlaufendes Fleisch. Wenn ich doch nur ein Bänkli finden würde.
Endlich! Hallelujah! Dank sei Gott! Ein Bänkli! Glücklich packte ich Käse, Fleisch, Brot und Wasser aus dem Rucksack. Das Wasser lief mir nun nicht mehr nur in Strömen von der Stirne, sondern auch im Mund zusammen. Doch dann musste ich feststellen: Offenbar hatte ich noch nicht genügend Busse getan. Alles weitere dazu lesen Sie hier.
Mit vollem Magen ging es weiter Richtung Vatikan. Die Füsse schmerzten, die Kleider stanken, die Sonne sengte. Ich begann, meine Sünden seit der letzten Beichte zusammenzuzählen. Ich kam nicht auf so viele, um diese Qualen zu rechtfertigen. Doch ich neige dazu, vergesslich zu sein.
Endlich erreichte ich den kühlen Wald. Im Geiste lief ich nun locker und beschwingt. Ich war überzeugt: Nun waren meine Sünden abgetragen. Jetzt konnte ich zu mir kommen, mein inneres Gleichgewicht finden, glücklich werden. Eine tiefe, innere Zufriedenheit überkam mich. Und dann kamen die Brennesseln.
Sie müssen wissen: Ich hasse Brennesseln. Ich hasse sie ebenso wie Schmeissfliegen, Stechmücken, Schlangen und Spinat. Und ich fragte mich: Hatte mich der Teufel geritten, als ich am Morgen kurze Hosen anzog? Oder war es doch Gott, der fand, eine bisschen zusätzliche Qualen würden mir auf meinem Weg zum Seelenheil gut tun?
Wie auch immer. Ich war einige Meter, Aua-Rufe und Flüche weiter nun ganz sicher, endgültig alle Schulden abgetragen zu haben. Ich ging unversehrt an zwei Bienenhäusern vorbei und hatte sogar WC-Papier dabei. Gute Zeichen! Eine halbe Stunde lang kam ich problemlos voran. Bis mich im Städtli Willisau Lektion 2 ereilte. Es müssen die Flüche bei den Brennesseln gewesen sein, für die ich nun Busse tat.
Die Hosen befleckt, die Seele rein: So kam ich schliesslich in den Vatikan hinein.
Für diesen schlechten Reim werde ich wohl wieder Busse tun müssen. Aber er war es wert. Genau so, wie meine Pilgerreise. Ich war über den Acker hinausgegangen, hatte „das elend gewagt“. Und einige schaurig-schöne Stunden gewonnen.
Amen.
Nebst viel Gegend gab es unterwegs übrigens vor allem etwas zu beobachten: Tiere. Kleinere, grössere, leisere und lautere. Hier das Beweisvideo:
Die Lektionen
Die Lektion 1
Der Dorfladen in Ufhusen ist immer einen Zwischenstopp wert. Vor allem, wenn man als hungrige Pilgerin Richtung «Vatikan» unterwegs ist. Redaktorin Wüest deckte sich deshalb bei Frau Schärli und Frau Lustenberger kurz vor Mittag mit viel Käse, Brot und Landjäger ein. Ihr Plan: Auf dem nächsten Bänkli wird gegessen. Nur: Das nächste Bänkli kam und kam nicht. Fast zwei Stunden lang musste die Pilgerin Hunger leiden, bis sie zuoberst auf der Stocki endlich ein schönes Plätzchen fand. Genügend Busse getan, dachte sie. Doch offenbar hatte sie mehr gesündigt als ihr bewusst war. Denn die mit viel starkem Plastik verschweissten Lebensmittel liessen sich auch nach hundert Stossgebeten ohne Messer nicht öffnen – den guten Zähnen von Redaktorin Wüest zum Trotz. Die Erlösung kam schliesslich in Form einer rostigen, aber noch einigermassen spitzen Schraube. Die Pilgerin hatte ihre Lektion gelernt: «Wer die Schraube nicht ehrt, ist des Landjägers nicht wert.»
Die Lektion 2
Nach langer Zeit erreichte die Weltreisende im Städtli Willisau wieder die Zivilisation. Verschwitzt und durstig wie sie war, gönnte sie sich dort ein kühlendes Frappé. Gierig zog sie am Röhrli und kippte gleichzeitig das Glas, als ob sie daraus einen Schluck nehmen wollte. Das Resultat: Noch vor dem ersten Schluck hatte sie die Hosen voll. Nicht nur verschwitzt, sondern auch befleckt ging es schliesslich weiter in den «Vatikan». Und die Pilgerin hatte ihre zweite Lektion gelernt: «Wer läuft, der säuft. Doch wer giert, verliert.»
Der Vatikan
Der Vatikan liegt mitten in Willisau. Im Jahr 1912 erstellt von Louis Macchi. Warum das Mehrfamilienhaus schon bald nach seiner Erbauung von den Willisauern so genannt wurde, kann heute nur vermutet werden. Josef Zihlmann schrieb in seinem Buch «Namenlandschaft im Quellgebiet der Wigger», der Name habe wohl einerseits damit zu tun, dass das Haus punkto Grösse und Bauart aus dem damals üblichen Rahmen fiel, andererseits aber auch mit der italienischen Nationalität seines Erbauers.
Ein weiterer Grund könnte gewesen sein, dass im Untergeschoss des Gebäudes ein Druckereiraum eingerichtet war, in dem von 1921 bis 1923 eine katholisch-konservative, also «romhörige» Zeitung herausgegeben wurde. Was das mit dem „Böttu“ zu tun hat, verraten wir in der WB-Freitagausgabe.













