Sommerserie 2013 – Hausbesuch

Auf dem Schlachtfeld übernachtet

Auf diesem (Kissen)schlachtfeld auf dem Estrichboden habe ich die Nacht verbracht.

Auf diesem (Kissen)Schlachtfeld auf dem Estrichboden habe ich die Nacht verbracht.

Nach gutem Wein schläft es sich gut. Ich bin wirklich Herr des Hauses. Reporter Bossart darf auf eigenen Wunsch mutterseelen allein im Schlossturm übernachten. Nicht im Bett der (längst verstorbenen) Baronin, sondern zuoberst, auf dem riesigen Estrich. Im Schloss im Schloss. Auf dem Estrich befindet sich nämlich ein Kinderparadies. Das sogenannte Traumschloss. Sein Innenleben ist verwinkelt. Das Traumschloss ist es ein Traum: Es leuchtet nicht nur schön, sondern bringt auch Kinderaugen zum Leuchten. Prinzessinnen und Prinzen können hier mit viel Geschick und Probiererei eine Kugelbahn zum Leben erwecken und gleichzeitig urtümliche Klänge erzeugen. Entworfen hat das Traumschloss der gebürtige Pfaffnauer Kunstschaffende Herbert Bättig, der Bruder von Ines Ruckstuhl-Bättig.

Ein Traum für Kinder: das Traumschloss mit der Kugelbahn.

Ein Traum für Kinder: das Traumschloss mit der Kugelbahn.

Vor dem Traumschloss liegen riesige Softbaustein, mit denen sich eine eigene Burg bauen lässt. Daneben ist mein Schlafplatz: eine grosse Matratzenwiese mit vielen Kissen. Hier finden tagtäglich Kissenschlachten statt. Und auf diesem Schlachtfeld habe ich geträumt. Bei angenehmer Temperatur. Zumindest bis mich in aller Herrgottsfrüh das Geräusch der flatternden Heidegger Fahne geweckt hat. Doch Reporter Bossart will nicht klagen: Ein Windchen könnte bei der angekündigten Hitze nicht schaden.

Schötzer testet Heidegger

Möchten Sie das kurze Urteil von Journalist Bossart zum Heidegger kennen? Dann schauen Sie sich folgendes Video an:

Edle Tropfen für edle Geister

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«Ich kann wortwörtlich die Früchte meiner Arbeit ernten», sagt Peter Schuler (48) und fügt lachend an: «Und trinken!» Wir stossen in seiner Weinstube mit einem Heidegger Cuvée an. Auf Heidegg und die WB-Sommerserie. Mein erstes Urteil: Der Cuvée schmeckt gut in der Nase. Er ist vollmundig und lieblich im Abgang.

Im Weinkeller

Im Weinkeller

Peter Schuler führt seit 1989 als Rebmeister das Weingut Heidegg, zuerst für den Kanton Luzern, seit 1998 in eigener Regie. «Gibt es einen schönen Herbst, ist auch heuer ein Spitzenjahr möglich.» Rund sechseinhalb Hektaren gross ist sein Weingut. Jährlich steht er mit seinem vierköpfigen Team rund 1’000 Arbeitsstunden pro Hektare im Einsatz. Eine Ernte von 800 Gramm Trauben pro Quadratmeter sei die Regel. Aus einem Kilogramm Früchte lassen sich sieben Deziliter edlen Tropfen gewinnen. Rund 50’000 Flaschen gibts jährlich aus dem Eigenanbau, weitere 70’000 keltert er für fremde Weingüter.

Peter Schuler füllt unsere Gläser ein zweites Mal mit Weissem. Woher er sein Wissen hat? Der St. Galler lernte einst Weinbauer auf Gütern an der Zürcher Goldküste und in Hallau. Später bildete er sich zum Weinküfer (also Weinmacher) und am Tech als Oenologe aus. «Das Kreieren von neuen Weinen ist faszinierend.» So experimentiert er etwa mit neuen Hefetypen beim Gärungsprozess, mischt Sorten oder lagert einige Weine im Holzfass statt im Stahltank. Auf Heidegg macht Peter Schuler aus 15 Rebsorten rund 30 verschiedene Weine. Etwa RieslingxSylvaner, Blauburgunder Spätlese oder Merlot im Barriqueausbau. Und einen solchen probieren wir jetzt. «Ein Glas Roten ist gesund.»

Weinabbau hat auf Heidegg Tradition. Um 1300 bepflanzte ein Nachfahre von Ritter Heinrich den steilen, sonnenverwöhnten Burghügel mit Reben. Heidegg wurde zum Seetaler, später zum Luzerner Weinschloss. Anfang vom 20. Jahrhundert machten die Industrialisierung und vor allem die Reblaus den Trauben den Garaus. Der Kanton startete 1951 eine neue Ära am Burghügel. Rebmeister Josef Zemp leistete während Jahrzehnten grosse Aufbauarbeit. «Er war ein Pionier», sagt Peter Schuler. «Dank ihm wurde Heidegg zur Wiege des neuen Luzerner Weins». In den letzten 20 Jahren hat sich im Kanton Luzern die Fläche der Rebberge auf 40 Hektaren verdoppelt.

Waage-mutig und standhaft: Reporter nach der Weindegustation.

Waage-mutig und standhaft: Reporter nach der Weindegustation.

Und so standfest war ich nach dem Degustieren.

Von den edlen Rosen zum edlen Tropfen

Schötzer testet Heidegger.

Schötzer testet Heidegger.

Für heute habe ich genug von edlen Rosen, Prinzessinnen und Rittern, die von langen Schwertern träumen. Jetzt brauche ich einen edlen Tropfen. Nichts wie auf zum nahen Weinbauer. Ich berichte euch von meinem Trinktest oder -fest – sobald ich wieder kann.

Wenn ich König auf Schloss Heidegg wäre…

Auf dem Spielplatz vor dem Schloss tummeln sich Prinzessinnen und Prinzen.

Auf dem Spielplatz vor dem Schloss tummeln sich Prinzessinnen und Prinzen.

In der Nähe des Schlosses ist ein grosszügiger Spielplatz mit Schaukel und Kletterturm, auf dem ich kecke Mädchen und starke Jungs angetroffen habe. Was würden sie tun, wenn sie auf Schloss Heidegg das Sagen hätten? Folgendes Filmchen verrät zehn grosse Wünsche von zehn kleinen Prinzessinnen und Prinzen.

Das Königreich der Familie Ruckstuhl

Das Zuhause der Familie Ruckstuhl.

Das Zuhause der Familie Ruckstuhl.

Dieter Ruckstuhl ist mit seinem Leben auf Heidegg zufrieden. «Meine Arbeit auf dem Schloss ist abwechslungsreich. Kein Tag ist wie der andere.» Nur eines ist für den Ausstellungsmacher und seine Familie immer gleich: «Wir wohnen hier, sind auch ausgestellt.» Damit könne und müsse seine Familie leben. «‹Heidegg› gehört den Luzerner Steuerzahlern.» Das Schlossareal samt Rosengarten und Spielplatz müsse daher «ein möglichst offener Treffpunkt» sein. Kein Verständnis hat Familie Ruckstuhl aber für jene wenigen Gwundrigen, die sich trotz dem Schildchen «Privat» an der Haustür in ihre Küche oder Stube verirren. «Die eigenen vier Wände sind unser kleines Königreich.»

Königinnen brauchen Gift für langes Leben

4 Blick auf Gesamtanlage

Ich habe dem Schlossgärtner bei der Rosenpflege über die Schultern geschaut. Er ist ausgerüstet mit einer Schere, aber ohne Handschuhe. «Die Stacheln haben sich an mich gewöhnt.» Einen halben Zentimeter oberhalb des dritten voll ausgebildeten Blattes schneidet er Triebe mit verdorrten oder zerzausten Blüten weg.

Ich will den Schlossgärtner bei der Arbeit fotografieren. «Kommt nicht in Frage». Er sei und bleibe ein stiller Schaffer. «Mach besser von den prächtigen Rosen Bilder. Sie sind die Stars, die Beachtung verdienen.»

2 Rose einzeln

Bis Ende November blühen viele der Edelrosen ein zweites oder gar ein drittes Mal. Aber nur, wenn die Pflege stimmt. «Und die ist aufwendig», sagt Pius Thali. Pro Jahr sei er 700 bis 800 Stunden im Rosengarten am Schaffen. Grund: Rosen sind extrem krankheitsanfällig.

Ob Mehltau, Sternrusstau oder Rost, ob Blattrollwespe, Läuse oder Dickmaulrüssler: «Ohne Spritzen alle 14 Tage würde es hier strub aussehen.» Pius Thali gibt mir Einblick in sein Gifttagebuch. Nur ein gezielter Gifteinsatz garantiere den Königinnen ein langes Leben.

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3 Aufstieg

Übrigens: Ich kenne ein nettes Geschichtchen zur Geschichte des Rosengartens: «Hier sollen Rosen blühen!», sagte anno 1951 der Deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer bei einem Besuch. Dieser Ausspruch kann als Startschuss der Heidegg als Rosenschloss der Schweiz bezeichnet werden. «Doch nach 50 Jahren war das Erdreich rosenmüde», berichtet Schlossgärtner Thali. Es musste frisch Ackererde her. Gleichzeitig wurde der Rosengarten neu gestaltet. Einst wuchsen im Garten 480 Sorten, heute noch deren 180. Dafür je 20 Stöcke derselben Edelrose. «Weniger ist mehr», sagt Pius Thali. «Das Gesamtbild ist schöner.»

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Mein Treffen mit «Miss Schweiz» im Schlossgarten

WB-Reporter testet, wie gut "Miss Schweiz" riecht.

WB-Reporter testet, wie gut „Miss Schweiz“ riecht.

Ich habe sie soeben mit meinen eigenen Augen gesehen: «Miss Schweiz», «Lady Di» und «Ingrid Bergman». Im Schlossgarten auf Heidegg. Mit den Schönheiten bekannt macht mich deren Leibwächter und Kosmetiker: Pius Thali (57), zweifacher Familienvater, wohnhaft in Gelfingen. Er pflegt auf Heidegg «die Königinnen der Pflanzen», die Edelrosen. Seit Herbst 1985, also seit 28 Jahren, ist er als Schlossgärtner unter anderem für den Unterhalt des Rosengartens verantwortlich.

Übrigens: Die Rosensorte «Miss Schweiz» hat blutrote Blütenblätter, schlanke Triebe und wirkt buschig. In die Stachlige würde ich mich nie und nimmer verlieben. Denn es gibt weit Schönere vor Ort. Wahre Augenweiden. Zum Beispiel «Duftwolke», «Lolita» oder «Violina». Doch küssen würde ich auch diese nie, obwohl sie allesamt verführerisch riechen. Warum? Das erzähle ich euch später.

Die Schlossflagge gehisst

Dieter Ruckstuhl zieht die Heidegger Fahne auf dem Schlossturm den Mast hoch.

Dieter Ruckstuhl zieht die Heidegger Fahne auf dem Schlossturm den Mast hoch.

Dem gestrigen Nationalfeiertag sei Dank. Kaum auf dem Schloss, komme ich in Genuss eines seltenen Spektakels. Fahnenwechsel auf dem siebenstöckigen (!) Schlossturm. Das weisse Kreuz auf rotem Grund muss wieder der schwarz-gelben Heidegger Fahne weichen. Konservator Dieter Ruckstuhl zwängt sich aus der Dachluke und setzt sich auf den First.

Kaum fotografierbar aus der Dachluke: Dieter Ruckstuhl auf dem First sitzend.

Kaum fotografierbar aus der Dachluke: Dieter Ruckstuhl auf dem First sitzend.

Flaggenwechsel 30 Meter über dem sicheren Erdreich. Kein Arbeitsplatz für Menschen mit Höhenangst. Doch Dieter Ruckstuhl hantiert ruhig, geniesst gar den gefährlichen Job. «Die Aussicht von hier oben ist fantastisch.» Wie wahr: Unsere Blicke schweifen über den Baldeggersee bis hin in die Zentralschweizer Alpen und Richtung Norden bis ans Ende des Hallwilersees.

Blick in die Tiefe

Blick in die Tiefe

Übrigens: Weit dramatischer verlief auf Heidegg der Fahnenaufzug am 14. Dezember 1916, wie mir Dieter Ruckstuhl erzählt. Damals löste sich am Mastenspitz die Kugel und erschlug die Bedienstete Hedwig Schmid. Die 24jährige Lehrerstochter aus Lieli verstarb, weil die Dachdecker die Kugel beim letzten Mastenwechsel ungenügend fixiert hatten. Dieter Ruckstuhl zeigt mir alte Briefe, die sich mit der Schuldfrage befassen. Und ein vergilbtes Foto von der tödlich Verunglückten, aufgebahrt in der Schlosskapelle in einem Blumenmeer.

Hedwig Schmid, aufgebahrt in der Schlosskapelle (1916), nach dem tragischen Unglück beim Fahnenaufzug.

Hedwig Schmid, aufgebahrt in der Schlosskapelle (1916), nach dem tragischen Unglück beim Fahnenaufzug.

Meine Gastgeber auf dem Schloss

Dieter Ruckstuhl, Kurator und Konservator auf Schloss Heidegg

Dieter Ruckstuhl, Kurator und Konservator auf Schloss Heidegg

Dieter Ruckstuhl hat den Schlüssel zum Schloss. Die Bezeichnung «Schlossherr» hört der 52jährige nicht gern. Er sei «Geschäftsführer des wohl allerersten Luzerner Public-Privat-Partnership-Projekts». Eine bürokratische Aussage, die zu seinem privilegierten Wohnsitz auf Heidegg nicht passen will. Aber zutrifft.

Dieter Ruckstuhl ist nicht König, sondern eher Diener auf Heidegg. Zwei Herrschaften hat er zu dienen: Dem Kanton als Besitzer des Schlosses, und der privaten Vereinigung Pro Heidegg, die für den Alltagsbetrieb verantwortlich ist.

Dieter Ruckstuhl ist der jüngste Sohn eines Klinikpflegers aus St. Urban. Nach seinen Jugendjahren im Kantonsecken meisterte er an der Stiftsschule in Einsiedeln die Matura und studierte später Geschichte. Seit 1995 ist Dieter Ruckstuhl Konservator und Kurator, also Ausstellungsmacher, auf «Heidegg». «Ich muss dafür sorgen, dass das Schloss ein lebendiger Ort der Begegnung ist und gut erhalten bleibt.» In einem 80-Prozent-Pensum. Ruckstuhl kann auf die Mithilfe eines 30-köpfigen Teams zählen, das sich vier Pensen teilt. Als seine wichtigsten Stützen bezeichnet er seine Frau Ines (44), gelernte Kindergärtnerin aus Pfaffnau, und Anna-Maria Renggli (Anlassadministratorin). Das Wohnrecht im sogenannten Herrenhaus mit den drei Söhnen Linus (15), Elias (13) und Anian (9) ist das eine, die Hauptverantwortung für einen 620 ’000-Franken-Umsatz das andere. Drei Viertel davon muss auf Schloss Heidegg mit Eintritten (rund 11’000 Besucher pro Jahr), Vermietungen und Veranstaltungen (weit über 200 jährlich) erwirtschaftet werden.